Entstehen 90 % des Histamins im Darm? Und warum ist DAO dann sinnvoll?
- 3. Aug.
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Entscheidend ist, dass DAO den Organismus vor exogenem Histamin schützt – sowohl vor Histamin aus der Nahrung als auch vor Histamin, das von der Darmmikrobiota gebildet wird.¹ Genau dieses Prinzip beschreibt der wissenschaftliche Übersichtsartikel von Comas-Basté et al.: DAO spielt eine zentrale Rolle beim Schutz des Organismus vor exogenem Histamin, das sowohl aus der Nahrung stammt als auch von der Darmmikrobiota produziert wird.¹
Im Zusammenhang mit Histamin begegnet man gelegentlich der Behauptung, dass wir nur 10 % des Histamins über die Nahrung aufnehmen, während bis zu 90 % im Darm entstehen. Daraus wird mitunter der Schluss gezogen, dass die Einnahme des Enzyms DAO nicht besonders wirksam sein könne, da sie angeblich nur einen kleinen Teil der gesamten Histaminbelastung betreffe.
Aus Sicht der Histaminphysiologie greift eine solche Schlussfolgerung jedoch zu kurz.
Vor allem gibt es kein allgemein gültiges, wissenschaftlich belegtes Verhältnis, nach dem 10 % des Histamins aus der Nahrung stammen und 90 % im Darm entstehen. Aktuelle wissenschaftliche Übersichtsarbeiten beschreiben verschiedene Histaminquellen, legen jedoch kein solches universelles Verhältnis fest.¹˒⁵ Darüber hinaus kommt Histamin in unterschiedlichen biologischen Kompartimenten vor, die nicht einfach miteinander addiert werden können.
Histamin hat nicht nur eine Quelle
Eine Quelle ist Histamin, das über die Nahrung aufgenommen wird. Nach dem Verzehr gelangt es in den Verdauungstrakt. Dort spielt das in der Darmschleimhaut lokalisierte Enzym Diaminoxidase (DAO) eine wichtige Rolle bei seinem Abbau. DAO ist das wichtigste Enzym für den Stoffwechsel von aufgenommenem Histamin, und eine unzureichende Fähigkeit zu dessen Abbau gilt als einer der Mechanismen, die mit Histaminintoleranz in Verbindung gebracht werden.¹˒²
Eine zweite Quelle ist Histamin, das von der Darmmikrobiota produziert wird. Bestimmte Mikroorganismen verfügen über das Enzym Histidindecarboxylase und können aus der Aminosäure Histidin Histamin bilden. Bei Personen mit Symptomen einer Histaminintoleranz wurden Unterschiede in der Zusammensetzung der Darmmikrobiota sowie ein höherer Anteil bestimmter histaminproduzierender Bakterien beschrieben.³
Eine dritte Quelle ist Histamin, das von körpereigenen Zellen freigesetzt wird, insbesondere von Mastzellen und anderen Immunzellen. Eine solche Freisetzung erfolgt beispielsweise bei allergischen und entzündlichen Reaktionen. Dieses Histamin wirkt vor allem lokal im Gewebe und kann nicht einfach mit dem Histamin gleichgesetzt werden, das sich im Darminhalt befindet.⁴
10 % versus 90 % ist nicht die richtige Frage
Das Problem mit der Aussage „10 % des Histamins stammen aus der Nahrung und 90 % entstehen im Darm“ besteht darin, dass dabei unterschiedliche Histaminquellen und unterschiedliche biologische Kompartimente miteinander vermischt werden.
Entscheidend ist nicht nur, wie viel Histamin im Organismus entsteht.
Wichtig ist vielmehr:
woher das Histamin stammt,
wo es sich befindet,
ob es im Darmlumen oder im Gewebe vorhanden ist,
wie schnell es abgebaut wird,
wie hoch die Aktivität von DAO und anderen Stoffwechselenzymen ist,
und ob die Histaminmenge die aktuelle Fähigkeit des Organismus übersteigt, dieses zu metabolisieren.
Über die Nahrung aufgenommenes Histamin befindet sich zunächst im Verdauungstrakt. Genau hier ist DAO Teil der natürlichen Schutzbarriere des Organismus gegenüber exogenem Histamin.¹˒²
Noch wichtiger ist: DAO unterscheidet nicht danach, ob ein Histaminmolekül im Darmlumen aus einem Lebensmittel stammt oder von einem Darmbakterium gebildet wurde. Aus Sicht des Enzyms handelt es sich um dasselbe Histaminmolekül. In der wissenschaftlichen Literatur wird die intestinale DAO daher als wichtiger Schutzmechanismus gegenüber exogenem Histamin beschrieben – sowohl gegenüber Histamin aus der Nahrung als auch gegenüber Histamin, das von der Darmmikrobiota produziert wird.¹
Die Tatsache, dass ein Teil des Histamins direkt im Darm entsteht, ist somit kein Argument gegen DAO. Im Gegenteil: Der Darm ist genau der Ort, an dem DAO eine ihrer wesentlichen physiologischen Funktionen erfüllt.
Und was ist mit Histamin, das von Bakterien gebildet wird?
Die bakterielle Produktion von Histamin ist ein realer biologischer Mechanismus und sollte nicht außer Acht gelassen werden.
Verändert sich die Zusammensetzung der Darmmikrobiota, kann der Anteil von Mikroorganismen zunehmen, die Histamin produzieren können. Bei Patienten mit Symptomen einer Histaminintoleranz wurde tatsächlich eine Dysbiose beschrieben, die mit einem höheren Anteil bestimmter histaminproduzierender Bakterien verbunden ist.³
Aus Sicht des Darmepithels und des Enzyms DAO ist jedoch nicht entscheidend, ob ein Histaminmolekül aus der Nahrung oder von einem Bakterium stammt.
Entscheidend sind seine Menge und die Fähigkeit der intestinalen DAO, dieses Histamin kontinuierlich zu metabolisieren.¹
Übersteigt die Produktion oder Zufuhr von Histamin dessen Abbau, kann die Menge an Histamin zunehmen, die für eine lokale Wirkung und eine anschließende Aufnahme zur Verfügung steht.¹ Histamin, das von Mastzellen und anderen Zellen freigesetzt wird, kann unter bestimmten pathologischen Bedingungen ebenfalls zu Störungen der Darmbarriere beitragen.⁴
Präziser ist daher folgende Aussage:
Bei manchen Menschen kann die bakterielle Histaminproduktion einen bedeutenden Anteil an der gesamten Histaminbelastung im Darm ausmachen. Das bedeutet jedoch weder, dass über die Nahrung aufgenommenes Histamin vernachlässigbar ist, noch dass DAO dadurch an Bedeutung verliert.
DAO und Histamin im Darm sind keine Gegensätze
DAO ist kein universeller „Histamin-Entferner für den gesamten Organismus“.
Ihre Bedeutung liegt vor allem im Stoffwechsel von exogenem Histamin, das im Gastrointestinaltrakt verfügbar ist.¹ Oral zugeführte DAO sollte daher nicht als Mittel verstanden werden, das beispielsweise von Mastzellen in der Haut oder anderen Geweben freigesetztes Histamin entfernt.
Befindet sich Histamin jedoch im Lumen des Verdauungstrakts – unabhängig davon, ob es aus der Nahrung stammt oder durch die Aktivität von Darmmikroorganismen entstanden ist –, befindet es sich genau in dem Milieu, in dem DAO Histamin enzymatisch abbauen kann.¹˒⁵
Liegt gleichzeitig eine Dysbiose oder eine allergische bzw. entzündliche Erkrankung vor, beseitigt die alleinige Ergänzung von DAO selbstverständlich nicht deren Ursache. Das bedeutet jedoch nicht, dass DAO keine Bedeutung hat. Es bedeutet lediglich, dass unterschiedliche Mechanismen einer erhöhten Histaminbelastung unterschiedliche Ansätze erfordern können.
Klinische Studien deuten darauf hin, dass eine orale DAO-Supplementierung bei einigen Patienten mit Symptomen einer Histaminintoleranz Beschwerden lindern kann. In einer kleinen offenen Studie mit 28 Patienten kam es während der DAO-Supplementierung zu einer signifikanten Verringerung des Symptom-Scores; nach dem Absetzen stieg dieser wieder an.⁶ Die derzeitige Evidenz ist jedoch weiterhin begrenzt und lässt sich nicht auf alle Personen mit Beschwerden übertragen, die einer Histaminintoleranz zugeschrieben werden.⁵˒⁶
Intestinaler Abbau von Histamin durch das Enzym DAO in drei Situationen: bei einem gesunden Menschen, bei einer Histaminintoxikation und bei Histaminintoleranz. Adaptiert nach Comas-Basté et al., 2020.¹
Genau deshalb lässt sich die Argumentation nicht auf ein Verhältnis von 10 : 90 stützen
Die Aussage:
„Nur 10 % des Histamins stammen aus der Nahrung und 90 % entstehen im Darm, deshalb ist DAO nicht relevant.“vermischt mehrere unterschiedliche biologische Prozesse.
Die treffendere Frage lautet:
Wie viel Histamin befindet sich zu einem bestimmten Zeitpunkt im Darm, und ist der Organismus in der Lage, es mithilfe von DAO ausreichend schnell abzubauen?
Aus dieser Perspektive sollten vor allem zwei Gruppen unterschieden werden:
1. Histamin im Darmlumen
– Histamin aus der Nahrung– Histamin, das von der Darmmikrobiota produziert wird
2. Histamin, das im Gewebe des Körpers freigesetzt wird
– insbesondere Histamin, das bei Immun-, allergischen und entzündlichen Reaktionen von Mastzellen und anderen Zellen freigesetzt wird.
Die erste Gruppe umfasst Histamin, gegenüber dem die intestinale DAO eine direkte physiologische Funktion erfüllt.¹ Die zweite Gruppe gehört zu einem anderen biologischen Kompartiment und erfordert einen anderen Ansatz.
Einfach ausgedrückt: Aus Sicht der DAO spielt es keine Rolle, ob ein Histaminmolekül aus Käse, einem fermentierten Lebensmittel oder von einem Bakterium im Darm stammt.
Entscheidend sind die Gesamtmenge an Histamin im Darmlumen und die Fähigkeit der DAO, dieses kontinuierlich abzubauen.¹
DAO und die Unterstützung einer gesunden Darmmikrobiota sind daher keine konkurrierenden Ansätze. Sie können unterschiedliche Aspekte desselben Problems beeinflussen.
Wissenschaftliche Quellen
1. Comas-Basté O, Sánchez-Pérez S, Veciana-Nogués MT, Latorre-Moratalla ML, Vidal-Carou MDC.Histamine Intolerance: The Current State of the Art.Biomolecules. 2020;10(8):1181.DOI: 10.3390/biom10081181. PMID: 32824107; PMCID: PMC7463562.PubMed | Volltext – PMC | Volltext – Verlag
Zentrale Quelle für die Aussage, dass DAO den Organismus sowohl vor exogenem Histamin aus der Nahrung als auch vor Histamin schützt, das von der Darmmikrobiota produziert wird.
2. Maintz L, Novak N.Histamine and histamine intolerance.American Journal of Clinical Nutrition. 2007;85(5):1185–1196.DOI: 10.1093/ajcn/85.5.1185. PMID: 17490952.PubMed
DAO wird hier als wichtigstes Enzym für den Stoffwechsel von aufgenommenem Histamin beschrieben.
3. Sánchez-Pérez S, Comas-Basté O, Duelo A, et al.Intestinal Dysbiosis in Patients with Histamine Intolerance.Nutrients. 2022;14(9):1774.DOI: 10.3390/nu14091774. PMID: 35565742; PMCID: PMC9102523.PubMed | Volltext – PMC
Die Studie beschreibt Veränderungen der Darmmikrobiota bei Personen mit Symptomen einer Histaminintoleranz sowie einen höheren Anteil bestimmter histaminproduzierender Bakterien.
4. Barbara G, Zecchi L, Barbaro R, et al.Mucosal permeability and immune activation as potential therapeutic targets of probiotics in irritable bowel syndrome.J Clin Gastroenterol. 2012;46 Suppl–S55.DOI: 10.1097/MCG.0b013e318264e918. PMID: 22955358.PubMed
Die Arbeit beschreibt die Rolle von Mastzellen und ihren Mediatoren, einschließlich Histamin, bei der Regulation der Darmpermeabilität und neuronaler Reaktionen.
5. Jackson K, Busse W, Gálvez-Martín P, Terradillos A, Martínez-Puig D.Evidence for Dietary Management of Histamine Intolerance.International Journal of Molecular Sciences. 2025;26(18):9198.PubMed | Volltext – PMC | Volltext – Verlag
Die aktuelle Übersichtsarbeit bestätigt die zentrale Rolle der intestinalen DAO beim Stoffwechsel von exogenem Histamin und fasst die derzeitige Evidenz zur oralen DAO-Supplementierung zusammen.
6. Schnedl WJ, Schenk M, Lackner S, et al.Diamine oxidase supplementation improves symptoms in patients with histamine intolerance.Food Science and Biotechnology. 2019;28(6):1779–1784.DOI: 10.1007/s10068-019-00627-3. PMID: 31807350; PMCID: PMC6859183.PubMed | Volltext – PMC
Die kleine offene klinische Studie zeigte während der oralen DAO-Supplementierung eine Verringerung der mit Histaminintoleranz verbundenen Symptome; die Ergebnisse sind unterstützend, jedoch nicht abschließend.




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